Vita

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Werner Spies wurde am 1. April 1937 in Tübingen geboren und wuchs in Rottenburg am Neckar und Rottweil auf. Nach der Volksschule in Rottenburg und dem Besuch des Albert-Magnus-Gymnasiums in Rottweil studierte S. Philosophie, Kunstgeschichte und Romanistik in Wien, Paris und Tübingen. Anschließend promovierte er an der Universität Bonn.

 

Das Schreiben lernte er als Volontär beim "Schwarzwälder Volksfreund" (1956-1958) und bei der "Stuttgarter Zeitung" (1958), deren damaliger Herausgeber Josef Eberle ihn "entdeckt" habe (Stgt. Z., 31.1.2002). Seit 1962 hielt sich S. in Paris auf und freundete sich mit zahlreichen Künstlern und Schriftstellern an. Er kam in Kontakt mit Samuel Beckett, Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor, Claude Simon, Marguerite Duras, Michel Leiris und Robert Pinget und vergab im Namen des Süddeutschen Rundfunks Aufträge für Hör- und Fernsehspiele.

 

Für sein Schaffen waren insbesondere seine engen Kontakte zu Max Ernst, mit dem ihn seit 1965 eine Freundschaft verband, und zu Pablo Picasso von Bedeutung. S. selbst äußerte sich zu dem Einfluss, den die persönliche Bekanntschaft mit diesen Künstlern auf ihn gehabt hat, folgendermaßen: "Ich glaube, die Beschäftigung mit Kunst, die nicht nur lebt, sondern hinter der auch ein erkennbares Denken und Fühlen stehen, ist eine Notwendigkeit. Ich sehe einen Vorteil darin, über Picasso und Max Ernstgearbeitet zu haben, weil ich sie gekannt habe. (...) Für mich ist die Faszination durch den Menschen wichtig. Die Jetztzeit, das was sich heute tut, hat mich immer interessiert, allerdings immer im Blick auf die Geschichte"(Stgt. Z., 7.5.1997). In der internationalen Kunstszene gilt S. denn auch als ausgewiesener Spezialist für die Werke dieser beiden Künstler. S. überreichte z. B. 1971 noch Picasso selbst das von ihm erstellte Werkverzeichnis von dessen Skulpturen. Dem Werk von Max Ernst verhalf er durch die 1975 erstmals organisierte Retrospektive im Pariser Grand Palais und durch die Herausgabe des OEuvre-Kataloges zu breiter Anerkennung.

 

Seit 1964 schreibt S. für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". S., der zwischen 1975 und 2002 den Lehrstuhl für die Kunst des 20. Jahrhunderts an der Kunstakademie in Düsseldorf innehatte, war als Kommissar verantwortlich für die Ausstellung "Paris - Berlin" (1978) im Centre Pompidou. Die Organisation dieser Ausstellung und weiterer Kunstausstellungen in Paris, Düsseldorf, Stuttgart, Tübingen, New York, Chicago, Houston, Tokio und Berlin mit Werken von Max Ernst und Picasso trugen zu seinem geachteten Ruf in der Fachwelt bei. Einem breiteren Publikum wurde er auch als Verfasser einer Vielzahl von Künstler-Monographien bekannt.

 

Im April 1997 wurde S. vom französischen Kulturminister Philippe Douste-Blazy zum Direktor des Musée National d'Art Moderne am Pariser Centre Georges Pompidou ernannt. Entscheidend für seine Ernennung dürfte wiederum S.s ausgewiesene Kennerschaft der Kunst Picassos und Max Ernsts gewesen sein. Im selben Jahr erhielt er den Verdienstorden des Landes Baden- Württemberg. Bis Sept. 2000 leitete S. überaus erfolgreich das Museum, sein Nachfolger wurde Alfred Pacquement. In S.s Amtszeit fiel auch die umfassende Renovierung des Centre Pompidou, die nach zweijähriger Dauer im Jan. 2000 abgeschlossen wurde. Er organisierte mit "Picasso sculpteur" die umfangreichste Ausstellung, die je dem Werk des Bildhauers Picasso gewidmet wurde. Auch nach seinem Abschied als Direktor blieb S. dem Centre Pompidou innig verbunden. Im Jahr 2002 realisierte er die spektakuläre Schau "La révolution surréaliste" (anschließend bei der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf).

 

S. beschäftigte sich aber nicht nur mit den Bildenden Künsten, sondern auch mit dem Werk französischer Schriftsteller. U. a. übersetzte er Werke von Francis Ponge, Alain Robbe-Grillet, Jean Tardieu und Maguerite Duras ins Deutsche. Eine Vielzahl hochkarätiger Auszeichnungen und Ehrungen verdeutlichte S.s überaus hohen Stellenwert in der internationalen Kunstszene und Kulturwelt. So erhielt er u. a. im Jahr 2003 in seiner ehemaligen Wirkungsstätte, dem Centre Pompidou, den Art-Cologne-Preis des Bundesverbandes Deutscher Galeristen für seine "herausragenden Verdienste um die Vermittlung moderner Kunst" (SZ, 23.10.2003). Der Laudator Ulrich Wickert lobte S., er trete nicht belehrend in Erscheinung. Seine "Vermittlung" der Kunst gehe von einem "erklärenden Prinzip" aus. "So wirkt ein Aufklärer. Er ermöglicht dem Schauenden einen neuen Blick, so dass er sehen lernt - und schließlich versteht" (FAZ, 30.10.2003).